Ruth Beckermann - Poesie des Flüchtigen

Die Publizistin, Essayistin und Filmemacherin Ruth Becker-

mann fängt mit ihrem Schaffen die Flüchtigkeit von Zeit, Erin-

nerung und Identität ein, umkreist ihre Figuren und Themen, lässt sich von Intuition und Assoziation leiten und liebt es, über-

rascht zu werden. Ihr Name steht weit über die Grenzen Öster-

reichs hinaus für ein der Realität zugewandtes, politisch sensi-

bles Kino, das die Auseinandersetzung mit der Geschichte sucht. Etwa in ihrer Beschäftigung mit Österreich, dem Judentum und Fragen nach der persönlichen und kollektiven Identität bezieh-

ungsweise deren Brüchen. 2016 gewann Ruth Beckermann mit ihrem Film Die Geträumten über den Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan den Bildrausch-Ring der Filmkunst. Bildrausch präsentiert in diesem Jahr Die papierene Brücke (1987), American Passages (2011) und Waldheims Walzer (2018) und lädt zur Auseinandersetzung mit Ruth Beckermann im neuen Gedanken/Raum.

 

Ruth Beckermann ist die bedeutendste jüdische Filmemacherin Österreichs. Das ist ein Satz, in dem der Grund ihres Werks, einer 40 Jahre umfassenden filmischen Ar-

beit, erkennbar ist in aller Ambivalenz. Denn natürlich würde man sich Geschichte am liebsten denken als eine Abfolge von Abschnitten, in der jeder neue auf dem vorhe-

rigen auf bauen kann, in der das, was einmal erfahren ist, automatisch gewusst wird und begriffen ist. Geschichte ist aber nicht so, und deshalb besteht das Werk von Beckermann aus lauter Kreisbewegungen um das «ewige Thema», wie sie es selbst genannt hat, in denen immer wieder auf das zurückgekommen werden muss, was einen prägt, ohne dass man sich das hätte aussuchen können.

 

Wie kann man dort leben, wo man sich immer auch nicht zu Hause fühlt – der Zwie-

spalt, der ihre essayistische Arbeit motiviert, ist bei Beckermann familiär beschreibbar. Nämlich dass sie «wunderlicherweise» in Wien geboren wurde 1952, als Tochter eines Vaters, der in der Bukowina die Shoah überlebt und an Wien Hoffnungen auf ein bes-

seres Leben knüpfte, und einer Mutter, die diese Hoffnungen 1938 eigentlich fahren gelassen hatte, als sie aus Wien nach Israel flüchtete und nach dem Krieg nur für einen Besuch nach Wien zurückkehrte, wo sie aber hängen blieb. Ruth Beckermann selbst hat früh Auswege gesucht, in Tel-Aviv gelebt, in Paris und in New York studiert.

 

1976 kam sie zurück und fand in der linken, progressiven Videogruppe Arena einen Ort, mit dem sie sich identifizieren konnte: «Für mich bedeutete die Arena den Eintritt in die österreichische Gesellschaft.» Dennoch blieb Wien eine zwiespältige Erfahrung, weil sich hier die Reste von beiden Polen ihrer Herkunft finden liessen: die des jü-

dischen Lebens rund um die Marc-Aurel-Strasse, das sie in homemad(e) 2001 portrai-

tierte, und die des austrofaschistischen Antisemitismus, dem man am Ende von Die papierene Brücke (1987) begegnen kann – in Videoaufnahmen von der Strasse, in denen unverhohlen Ressentiments geäussert werden. Entstanden waren die Aufnah-

men im Jahr zuvor, im Frühjahr 1986, als Kurt Waldheim, der seine Karriere im Natio-

nalsozialismus begann und in seiner Biografie darüber schwieg, Bundespräsident werden wollte. Beckermann gehörte mit ihren Eltern damals zu den Demonstranten, die keine «Gedächtnislücke» als Staatsoberhaupt wollten. Auch wenn Waldheim letztlich gewählt wurde, markiert der Aufruhr um seine Kandidatur einen wichtigen Einschnitt in die österreichische «Lebenslüge», das «erste Opfer» der deutschen Nazis gewesen zu sein – und nicht etwa mitgemacht zu haben im Krieg, bei der Organisation des Holocaust.

 

Deshalb fällt das Fazit der Filmemacherin am Ende von Waldheims Walzer (2018), der mit selbstgedrehtem und massenmedialem Bildmaterial die Waldheim-Affäre nach-

zeichnet, durchaus positiv aus: «In die Abscheu mischte sich ein Gefühl der Erleich-

terung. Aufgestanden zu sein, dagegen geredet zu haben, nicht mehr zu schweigen.» Man kann anhand dieser Äusserung auch sehen, wie weit die Kreise sich ziehen, in denen Geschichte immer wieder verhandelt wird. Am Anfang von Die papierene Brücke steht die, wie so häufig in Beckermanns Filmen aus dem Off gesprochene, Erzählung von der Grossmutter Rosa, die in Wien die Nazijahre überlebt, weil sie sich stumm stellte, unsichtbar machte: «Kann man die eigene Stimme vergessen?»

 

Die papierene Brücke beginnt als Reise in die Vergangenheit des Vaters, zu den Re-

likten und Gemeinschaften jüdischen Lebens in Rumänien und Jugoslawien. Eine Expedition in die Geschichte, deren Grund, die Regierungsbeteiligung der rechtsex-

tremen FPÖ zeigt es, selbst heute nicht abgeschlossen ist. Obwohl es in Becker-

manns Werk Momente gibt, in denen das Durcharbeiten des «ewigen Themas» an ein Ende gekommen zu sein schien: Mit Jenseits des Krieges (1996) wandte sie sich den Tätern zu, dokumentiert deren Geschichten aus der NS-Zeit und registriert deren Abwehr, die eigene, gefälligere Wahrheit als Teil der grossen Lüge zu denken. Oder mit Die Geträumten (2016), einer experimentellen Aneignung des Briefwechsels zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan, die Anja Plaschg und Laurence Rupp, zwei späte Nachgeborene, in der Realität des 1935–1939 gebauten Wiener Funk-

hauses zu verstehen versuchen.

 

Als ein Vergangenheitsmarker taucht in dem Film ein altes Foto auf. Fotos als Objekte des Dokumentarischen finden sich auch in Beckermanns publizistischem Werk, sie hat mehrere Bücher veröffentlicht. Mehr als private Bedeutung haben sie, weil durch sie etwas erinnert werden kann, was zerstört worden ist. In diesem Sinne kann man die filmischen Bewegungen von Beckermann begreifen – die Reise ist ein wiederkehr-

endes Motiv ihres Schaffens: durch Israel in Nach Jerusalem (1990), durch die USA in American Passages (2011), immer entlang der Widersprüche unversöhnter Gesell-

schaften. Die filmische Form zeigt sich dabei immer offen für Erfahrungen, die kein Konzept vorausahnen kann, für Assoziationen, die scheinbar Entlegenes zusammen-

führen, für einen Essayismus, der sich nicht allein für prominente Sprecherinnen oder Experten interessiert. Beckermanns Filme gibt es, damit gewusst und begriffen werden kann, was die Geschichte nicht automatisch erfahrbar macht. 

 

Matthias Dell


 

 

Im neugeschaffenen Diskussions-Format Gedanken/Raum widmet sich Jean Perret (Direktor Abteilung Film HEAD Genf) dem Werk vom Ruth Beckermann. Der Gedanken/Raum findet am 2. Juni um 10:00 Uhr im Stadtkino Basel statt.