Ursula oder das unwerte Leben

 

 

Der Titel ist wie ein Schlag vor den Kopf: un-

wertes Leben? Der Titel des Durchbruchs-

werks von Mertens & Marti rekurriert auf eine von Karl Binding (Rechtswissenschaftler) und Alfred Hoche (Psychiater) 1920 veröffentlichte Schrift: «Die Freigabe der Vernichtung lebens-

unwerten Lebens. Ihr Mass und ihre Form», welche den NS-Ideologen als Grundlage für ihre Euthanasieprogramme diente. Ursula Bodmer, blind und taub und geistig behindert, wäre danach vernichtungswert gewesen. Doch selbst in der Schweiz hatte es das Kind zuerst schwer, weil ihr nach ersten Untersuchungen alle Lernfähigkeit abgesprochen wurde – sie demnach als nicht finanziell unterstützungs-

würdig angesehen wurde, ergo vor sich hin vegetieren hätte sollen. Ihre Ziehmutter Anita Utzinger glaubte aber daran, dass Ursula sich entwickeln könnte; die Rhythmikerin und Heilpädagogin Mimi Scheiblauer fand einen Weg dahin. Mertens & Marti begleiteten sie dabei. Entstanden ist so ein Film, der vor allem durch seine gestalterische Strenge, die aufs Allernötigste entschlackte Formensprache besticht – und so zeigt, dass Scheiblauers eine Bühnenarbeit ist, eine gestalterische, welche heilt. (om)

 

 

Schweiz 1966
88 Min. sw. 35mm. D/Dialekt/e

Regie: Reni Mertens, Walter Marti

Buch: Reni Mertens, Walter Marti

Kamera: Rolf Lyssy, Hans-Peter Roth

Schnitt: Rolf Lyssy

Mit: Ursula Bodmer, Mimi Scheiblauer, Anita Utzinger, Helene Weigel


 

Nachhall: Mit Reni Mertens und Walter Marti in die Zukunft

 

Donnerstag 20.06.2019
18.45 Uhr

Stadtkino Basel

In Anwesenheit von Rolf Lyssy