Basel, 20. Juni 2021 

Olaf Möller hält die Laudatio auf Dominik Graf 

Der freie Autor und Kurator Olaf Möller würdigte den zweiten Bildrausch-Ehrenpreisträger als «ausserordentliches Genie». Wir publizieren seine Laudatio auf Dominik Graf im Wortlaut. 

Wo anfangen, wenn man so viel sagen will über so Vieles, und wenn man den zu ehrenden selber über die Jahre so kennengelernt hat, dass man mit schöner Ernsthaftigkeit von einer Freundschaft sprechen kann?

 

Alles, was nun kommt, kann allein eine Ahnung sein dessen, was zu sagen wäre. Aber das ist ja auch schon mal was: ein paar Spuren anlegen, denen man dann folgen kann durch dieses riesige, verwinkelte Gesamtwerkskonstrukt, an dem er seit fast einem halben Jahrhundert arbeitet. 

 

Vor ein paar Tagen sprach ich über Dominik mit Albrecht Schuch, der in Fabian oder Der Gang vor die Hunde einen wunderbar scheuen, aufgeregten Labude spielt, und er zitierte aus einem aktuellen Interview mit Dominik darüber, was Kino sein soll, leisten muss. Schuch gefiel die (Kästner’sche) Formulierung sehr, dass es keine Geländer geben darf – übersetzt gesprochen: Sicherheiten sind verboten.

 

Wenige Filmemacher haben derart viel experimentiert in ihrem Schaffen – Dominiks Œuvre ist erstaunlich vielgestaltig, voller Ausnahmen, Abweichungen von den wenigen Regeln, die man feststellen kann, wenn man will: das Vertrauen in den Polizeifilm als das Genre, mit dem sich gesellschaftliche Zusammenhänge am exaktesten analysieren lassen, und die Leidenschaft für die Beschreibung von Liebesverhältnissen.


Der Polizeifilm, also die Gesellschaftsanalyse, ist der Rückgrat seines Kinos. Wenn ich hier Kino sage, dann meine ich eine Idee von sozialem, politischen Miteinander, die an diesem Ort hier genauso stattfinden kann wie vor dem Fernseher in der Familie, dann vielleicht am Tag darauf auf der Arbeit, wo man das am Abend zuvor Geschaute mit den Kollegen bespricht.


In beiden Fällen gilt: Es war einmal, so funktionieren die Medien, so funktioniert unser soziales Miteinander längst nicht mehr. Aber dass Dominiks Filme in den letzten Jahren weltweit immer virulenter wurden zeigt vielleicht, dass der Weg, den wir die letzten dreissig Jahre gegangen sind, ein falscher war. Wir sind hinter uns zurückgefallen, sind weniger als wir mal waren, was Dominik auch einmal, 2014, am Ende von Es werde Stadt! 50 Jahre Grimme-Preis in Marl ganz direkt sagt.


Noch einmal: Es geht Dominik immer um ein gemeinsames Sehen, eine Idee davon, dass das, was wir da gesehen haben, uns alle angeht. Dominik mag die Idee des Bildungsauftrages, nimmt sie extrem ernst. Hier ein paar Beispiele: 


1993 spricht Dominik in Morlock – Die Verflechtung als wohl erster bundesdeutscher Filmschaffender von den Verbrechen, dem kolonialen Erobererverhalten der Treuhand auf dem Territorium der früheren Deutschen Demokratischen Republik; 


1994 stellt er mit Die Sieger einen SEK-Actionthriller über amoklaufend- bis suizidale Maskulinität und politische Korruption in den Raum, der erst 25 Jahre später auf breite öffentliche Akzeptanz stösst – dann nämlich, als sich alles, worüber der Film spricht, als einfach nur wirklich, wahr erwiesen hat, also zu spät eigentlich; 


2013 verwebt er in Tatort – Aus der Tiefe der Zeit Ansichten und Einsichten zum neoliberalen Städtebau mit europäischer Faschismusgeschichte in Gestalt einer Hommage an Poes Der Untergang des Hauses Usher;  


2014 zerlegt er satirisch mit Polizeiruf 110 – Smoke on the Water die Figur Karl-Theodor zu Guttenberg;

 

2017 gedenkt er der Nacht von Stammheim mit Tatort – Der rote Schatten auf eine so subversive Art, dass sich selbst unser Präsident zur öffentlichen Rüge genötigt fühlte; im gleichen Jahr erinnert er (gemeinsam mit Martin Gressmann) in einer Dokumentation an den – nennen wir's mal: radikalsozialistischen Ordoliberalisten Philip Rosenthal – Der Unternehmer, der nicht an den Kapitalismus glaubte – also an einen Weg, den die BRD nicht ging, obwohl er vielleicht der vernünftigste von allen möglichen gewesen wäre.


Zugegeben, wenn Leute von Bildungsauftrag sprechen, stellen sie sich das selten so vor: Wider den Staatsideologie-Mainstream, spannend, mitreissend, vielschichtig, im Falle von Tatort – Aus der Tiefe der Zeit und Polizeiruf 110 – Smoke on the Water zudem formal verwegen bis experimentell – und vor allem Genre, Genre, Genre. Aber so ist das in dem Kino, das Dominik meint: Grenzen müssen sich auflösen, das Gemeinsame betont werden, sowie das, was die verschiedenen Teile einer Gesellschaft wie Kultur voneinander lernen können – entscheidend ist das Miteinander.


Wer sonst noch vermischt derart wild wie sorgsam durchdacht Hoch- und Populärkultur, medial Aktuelles mit literarischer Klassik, wie er das z.B. in seinem essayistischen Melodram über die NS-Raubkunst-Causa Gurlitt tut, Am Abend aller Tage, den er als freie Adaption von Henry James' The Aspern Papers gestaltete?


Im selben Geistes-Gestus ging er rund 15 Jahre zuvor Der Felsen an: da weht das grosse symphonische Orchester durch den Pixelstaub von Bildern gezimmert mit Billig-Digitalkameras, wenn vom Begehren aufeinander eines Teenagers und einer Frau am tiefen Ende ihrer Dreißiger erzählt wird.


Der Felsen ist vielleicht der Höhepunkt einer Periode, in der sich Dominik weitestgehend abwandte vom Polizeifilm und sich mehr auf Liebeserzählungen konzentrierte – das, was ihn wirklich zum Kino brachte: Rohmer und Truffaut, und für das er zwar früh schon die Lebenserfahrung, aber lange nicht das filmische Handwerk besass, wie er einmal beim Weizen scherzte.

An dieser Stelle muss eins noch erwähnt werden: Das, was Dominiks internationaler Rezeption im Weg stand: nämlich das rund 85% seines Schaffens fürs Fernsehen realisiert wurde, ist auch der Grund für sein ausserordentliches Genie – Dominik hat wie ein Besessener gearbeitet, experimentiert, die Räume, die sich ihm boten, bestens genutzt. Viele Filmemacher, die auch fürs Fernsehen arbeiten, machen viele Filme – aber wer macht so viele unterschiedliche und bleibt sich dabei doch treu? Vor allem: Wer lernt so viel beim Arbeiten? 


Dominik macht nicht nur Filme, sondern schaut sie auch und schreibt darüber; und er lernt für sich aus dem Schauen wie Schreiben, dem sowohl genussvollen wie knallhart analytischen Umgang mit dem Kino, der Literatur, der Kunst – was es so braucht.


Ich hör' jetzt auf und würd' doch so gerne weiter reden, weil ich gerne über Dominik rede, auch weil ich beim Reden immer wieder neue Wege in und durch sein Schaffen finde. Angesichts dessen, dass der Preis à propos einer Literaturadaption verliehen wird, würde ich z.B. wahnsinnig gerne noch viel mehr sagen über Dominik und die Bücher, wobei es da auch für mich noch so viel herauszufinden gibt – Dominik erwähnte zB. nur einmal ganz nebenbei, das Herbert Asmodi ein Familienfreund war und für Dominik eine recht wichtige Figur, die ihm viel über Literatur mit auf den Weg gegeben hat.


Für mich kristallisiert sich viel von dem, was den Filmschaffenden, den Bürger und den Freund Dominik Graf ausmacht in seiner Darstellung von Heinrich Böll, der als Nebenfigur in Der Rote Kakadu auftaucht, in zwei Szenen nur, wenn ich das richtig erinnere. Sein Böll ist neugierig, warmherzig, unvoreingenommen, prinzipienfest. Es ist der Böll, der Ulrike Meinhof Blumen in den Bau brachte und sich für diesen schlichten Akt von christlichen Anstand anpöbeln lassen musste. Das kommt im Film natürlich nicht vor, steckt aber in der Haltung der Figur, wie er mit Siggi, dem Freund von Luise, der jungen Lyrikerin aus der DDR, spricht. Ich fand es immer überraschend, dass Dominik diese Figur in den Stoff gewoben hatte – es ist ihm wichtig, glaube ich, dass es dieses Böll-Bild als Fiktion, Erzählung gibt, dass dieser Anstand Teil nun ist unserer Populärvorstellungswelt.
Dominiks Schaffen ist Ausdrucks dieses Anstandes – dieses Abenteuers, Experiments, dass die Suche nach einem gerechtfertigten Leben ist.

 

Olaf Möller, 20. Juni 2021 

 

> weitere News