Basel, 23. Mai 2022

Heddy Honigmann (1951-2022) 

«Ich interessiere mich für Geschichten über das Überleben», sagt die Filmemacherin Heddy Honigmann, die selbst ein Kind von Holocaust-Überlebenden ist. Die peruanisch-niederländische Regisseurin (1951-2022) hat ein vielseitiges Werk geschaffen, das sich auf mitfühlende, aber nie selbstgefällige Weise mit den komplexen Themen Widerstandsfähigkeit, Exil, Erinnerung und Liebe auseinandersetzt. 

 

In unserem Tribute präsentieren wir zwei ihrer unverwechselbaren Dokumentarfilme in Kombination mit zwei Spielfilmen, die weitere Facetten ihres Könnens zelebrieren. Harry Bos vom Centre Pompidou in Paris würdigt die Filmemacherin, die Generationen von Dokumentarfilmschaffenden geprägt hat, in einem Essay. 

 

> Filmprogramm Heddy Honigmann

> Nachruf der New York Times 

Bei Programmen, die das Schaffen der niederländisch-peruanischen Regisseurin Heddy Honigmann würdigen, werden selten ihre Spielfilme gezeigt. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Obwohl sie zu Beginn ihrer Karriere vorwiegend Spielfilme drehte, wurde Heddy durch ihren Dokumentarfilm Metal and Melancholy (1993) international bekannt – sie betrachtete ihn sogar als ihren «ersten echten Film». Und seit Goodbye (1995) hat sie nur noch zwei kurze Fiction-Filme gemacht. Bei all ihren anderen Arbeiten handelt es sich um Dokumentarfilme. 

 

Das ist kein Zufall. In einem amerikanischen Interview aus dem Jahr 2002 gab sie zu, dass sie sich bewusst für den Dokumentarfilm entschied, weil ihr dieser mehr Freiheit gab – Freiheit, um zu improvisieren, Freiheit, um mit ihren Darsteller:innen zu interagieren. 

Es wäre jedoch unfair, ihre Spielfilme zu ignorieren. Goodbye und Mindshadows (Bild oben, 1988), die beiden Spielfilme, die beim Bildrausch Filmfest präsentiert werden, sind keineswegs unbedeutende Werke und verdienen mehr Beachtung. Heddy selbst bestand darauf, dass beide Filme in die DVD-Kollektion Heddy Honigmann in focus aufgenommen werden, die vor zehn Jahren in den Niederlanden herauskam.

 

Heddy Honigmann wurde 1951 in Lima, Peru, als Tochter jüdischer Einwanderer aus Europa geboren, die dem Holocaust entkamen und sich in dem südamerikanischen Andenstaat kennenlernten. In Lima besuchte sie eine französische Schule, begann ein Literatur- und Biologiestudium und ging dann nach Mexiko, um Film zu studieren, weil es damals in Peru keine richtige Filmschule gab. Danach zog Heddy nach Europa und studierte Film am renommierten Centro Sperimentale di Cinematografia in Rom. Dort lernte sie ihren Studienkollegen und späteren Ehemann Frans van de Staak († 2001) kennen. Die beiden übersiedelten in die Niederlande und Heddy nahm 1979 die niederländische Staatsbürgerschaft an, nachdem sie L’Israeli dei Beduini (1979) an der Filmschule in Rom gedreht hatte, eine Dokumentation über ein Nomadenvolk in Israel, das gegen die Enteignung seines Landes kämpft.

 

In Amsterdam begann sie, als (Co-)Regisseurin zu arbeiten, im Einklang mit dem experimentellen Umfeld ihres Ehemanns, der dem renommierten Dokumentarfilmer Johan van der Keuken nahestand. Aber 1988 überraschte sie viele, als sie in ihrer ersten großen Filmproduktion ein berühmtes niederländisches Buch für die Leinwand adaptierte: J. Bernlefs Roman Hersenschimmen (dt. Hirngespinste) ist ein Monolog eines älteren Mannes, der wegen Demenz allmählich seinen Verstand – und seine Sprache – verliert. Heddy wählte den gefeierten niederländischen Schauspieler Joop Admiraal für die Hauptrolle aus, ohne zu wissen, dass er kurz zuvor in einer umjubelten Solo-Performance über seine an Alzheimer erkrankte Mutter brilliert hatte. Honigmann und ihrem Kameramann Goert Giltay gelang es, das literarische Universum des Romans in einen visuell überzeugenden und dramatischen Film zu übersetzen, der im winterlichen Kanada spielt, und dabei dem Originaltext treu zu bleiben. 

Das nächste wichtige Projekt der Filmemacherin war eine Geschichte über eine unmögliche Liebesaffäre zwischen einer jungen Frau und einem verheirateten Mann, die in Amsterdam spielt. Doch als Heddy 1989 zum ersten Mal in ihre Heimat Peru zurückkehrte, fand sie ein von wirtschaftlichem Niedergang und politischer Korruption zerrüttetes Land vor. In ganz Lima sah sie Teilzeit-Taxifahrer:innen – Buchhalter:innen, Polizist:innen, ja sogar Schauspieler:innen –, die verzweifelt versuchten, in einem zerstörten Land zu überleben. «Ich interessiere mich für Geschichten über das Überleben», sagte sie später. Heddy legte ihre Pläne für den Spielfilm, der später schließlich unter dem Titel Goodbye erschien, auf Eis. Denn zunächst einmal musste sie einen Film über diese ungewöhnlichen Taxifahrer:innen in Lima machen, und es sollte ein Dokumentarfilm werden: Metal and Melancholy (Bild oben, 1994).

 

Sie begann ihre Recherchen, indem sie einen ganzen Monat lang ständig Taxis nahm. Während dieses Casting-Prozesses sprach sie mit mehr als hundert Fahrer:innen. Bei den Dreharbeiten arbeitete sie mit einem Team zusammen und bediente weder die Kamera noch nahm sie den Ton auf. Ihre Rolle bestand darin, anwesend zu sein (meist aus dem Off) und ihre Protagonist:innen zu interviewen, wodurch sie selbst zu einer Figur in ihrem eigenen Film wurde. Manchmal bat sie ihre Darsteller:innen sogar, eine bestimmte Szene zu drehen. Das Zauberhafte ist natürlich, dass Metal and Melancholy trotz all dieser für einen Dokumentarfilm vermeintlich unorthodoxen Techniken nie zu einem Hybridfilm mit künstlich fiktionalisierten Elementen wird. Dank ihres Talents und ihrer Vision gelingt es Heddy, durch die sorgfältige Vorbereitung jeder einzelnen Szene eine wahrheitsgetreue und spontane Atmosphäre zu schaffen, während sie stets ihrer Intuition folgt, um beim Filmen den unerwarteten «richtigen Moment» einzufangen. Der «Heddy-Blick» war geboren, eine individuelle Note, die sofort weltweit Beachtung fand.

Wie ihre Eltern ist Heddy Honigmann eine Immigrantin. Sie sieht sich selbst nicht als Peruanerin und bleibt, obwohl sie seit mehr als vierzig Jahren in den Niederlanden lebt, auch dort eine Aussenseiterin – sie behauptet sogar, dass diese Position ein wichtiger Teil ihrer Identität ist. Viele ihrer Filme spielen im Ausland: in Paris (The Underground Orchestra, Forever), natürlich in Lima (Metal and Melancholy, El Olvido), in Bosnien-Herzegowina (Good Husband, Dear Son; Crazy) sowie in New York und New Jersey (Dame la mano). Für mehrere Filme reiste sie um die Welt (Around the World in 50 Concerts, 100UP, No hay camino). Vielleicht lässt sich Heddy Honigmanns Staatsbürgerschaft am besten als «kosmopolitisch» beschreiben. 

 

Trotz dieser selbst gewählten Position hat sie nie aufgehört, in ihrer neuen Heimat zu filmen; einige ihrer besten Arbeiten spielen sogar gezielt in den Niederlanden und behandeln sehr niederländische Themen. Ein hervorragendes Beispiel für diese «Dutchness» ist der bereits erwähnte Spielfilm Goodbye (Bild oben, 1995). In der ersten Szene filmt Honigmann ein Paar, das sich auf einem Eislaufplatz trifft und danach am Heimweg auf dem Fahrrad flirtet.

 

Seltsamerweise hatten dies zuvor noch keine niederländischen Filmschaffenden getan – vielleicht aus Angst, in ein Klischee zu verfallen? Bei Heddy Honigmann gibt es kein Klischee, im Gegenteil, sie schafft ein wunderbares visuelles Filmkunstwerk. Knapp 30 Jahre später wirken die niederländische Schauspielerin Johanna ter Steege und der flämische Darsteller Guy Van Sande in diesen wenigen leisen Minuten nach wie vor erstaunlich frisch.

 

In dieser Szene, wie auch im Rest des Films, scheinen sie nur zu improvisieren, doch genau das war nicht der Fall. Heddy hat mit den beiden ausgiebig geprobt, in der Überzeugung, dass echte Spontaneität nur durch gründliche Vorbereitung entsteht. So wie sie es auch bei Metal und Melancholy getan hatte. Für sie sind die beiden Filme wie «Bruder und Schwester». Ihr neues weltweites Renommee bescherte Goodbye auch ein internationaleres Publikum als ihren früheren Spielfilmen: Der Film wurde beim Locarno Film Festival ausgezeichnet, wo Johanna ter Steege den Preis für die beste Schauspielerin erhielt.

 

Nach zwei im Ausland gedrehten Dokumentarfilmen, die in Rio de Janeiro (O Amor Natural, 1996) und in Paris (The Underground Orchestra, 1997) spielen, kehrte Heddy für 2 Minutes Silence, Please (1998) nach Holland zurück. In diesem Film geht es darum, wie die Niederländer ihrer Opfer des Zweiten Weltkriegs gedenken: durch zwei Schweigeminuten, die von der gesamten niederländischen Bevölkerung jeden 4. Mai um 20 Uhr abgehalten werden. 

Doch Heddy Honigmanns bedeutendster «niederländischer Film» sollte erst noch kommen: Crazy (1999), ein ergreifendes Porträt mehrerer niederländischer Veteranen der UN-Friedenstruppen, die in Konfliktgebieten wie Ruanda, Kambodscha, Libanon und Bosnien dienten. Der Ausgangpunkt ist erstaunlich einfach: Was war Ihr Lieblingsmusikstück, das Sie während Ihrer Zeit als Soldat:in gehört haben? Das ist die Frage, die Heddy stellte. Kunst im Allgemeinen und Musik im Speziellen spielen in den meisten ihrer Filme eine große Rolle, doch hier nimmt letztere einen ganz besonderen Stellenwert ein, da sich die Protagonist:innen, die es normalerweise nicht gewohnt sind, ihre Emotionen zu zeigen, durch die Musik offenbaren. Heddys Lieblingsthemen und ihre mitfühlende, aber nie selbstgefällige Beziehung zu ihren Charakteren verdichten sich in diesem Dokumentarfilm, den viele als ihr bestes Werk betrachten. In den Niederlanden hat Crazy nicht zuletzt wegen der zunehmenden politischen Kontroverse über das Versagen der niederländischen UN-Truppen in Srebrenica, bosnische Zivilisten vor den serbischen Milizen zu schützen, die Tausende von ihnen hinrichteten – eine wichtige Episode im Film –, für Aufsehen gesorgt. Der Skandal führte schließlich zum Rücktritt der niederländischen Regierung im Jahr 2002.

 

Seit Crazy und trotz ihrer nachlassenden Gesundheit – Heddy leidet seit Jahren an Multipler Sklerose – hat sie weiterhin international gefeierte Filme gedreht und wurde von vielen Festivals in aller Welt geehrt. 2013 erhielt sie beim Internationalen Dokumentarfilmfestival Amsterdam (IDFA) den Living Legend Award. Nur Frederick Wiseman hatte diese Auszeichnung vor ihr bekommen. Im Jahr 2016 wurde sie mit dem renommierten Œuvre-Preis des niederländischen Prinz-Bernhard-Kulturfonds ausgezeichnet. Sie gilt als die wichtigste niederländische Filmemacherin.

 

Im Jahr 2021, im Angesicht ihrer unheilbaren Krankheit und mit Unterstützung ihres Sohnes Stefan, des spanischen Filmemachers José Luis Guerín und der belgischen Autorin Kristien Hemmerechts, drehte sie ihr filmisches Testament No hay camino (There Is No Path), eine letzte Reise zu Orten und Menschen, die ihr wichtig waren. In diesem bewegenden Dokument ist Heddy Honigmann zum ersten und letzten Mal die Protagonistin ihres Films.

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Zum Autor 

Harry Bos arbeitet als Dokumentarfilmprogrammierer für das Centre Pompidou in Paris. Seit mehr als zwanzig Jahren programmiert und fördert er das niederländische Kino in Frankreich. 2011 war er Ko-Organisator von Heddy! im Centre Pompidou, der wichtigsten Retrospektive des dokumentarischen Werks von Heddy Honigmann, die jemals in Frankreich stattfand.

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