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Teresa Villaverde –

Fragiler Punk

Essay von Pamela Jahn

Ein Unglück kommt selten allein. Nirgends scheint diese schmerzhafte Lebensweisheit so wahr zu sein wie in den Filmen von Teresa Villaverde. Aus der Anhäufung verhängnisvoller Ereignisse entwickeln ihre Geschichten eine dramatische Dringlichkeit, wie man sie dieser Tage nur selten auf der Leinwand erleben kann.

 

Störrisch, zart, entschieden und konsequent verweigert sie sich den falschen Bildern und geschönten Erzählungen des Kinos wie des Lebens überhaupt. Ihr unermüdliches Interesse für das, was die Gesellschaft ins Abseits drängt, hat die portugiesische Regisseurin seit ihrem Debütfilm Alex (1991) stets dazu geführt, sich in ihren Arbeiten, Figuren und Schicksalen verschiedenster Milieus und Herkunft zu widmen, Menschen am Rande des Nervenzusammenbruchs, von denen sie stets aufs Neue bestürzende Porträts zeichnet: darunter Heimkinder, die nicht gehorchen wollen (The Mutants, 1998), junge Frauen, die zu Sexsklavinnen degradiert werden (Trance, 2006), und immer wieder einfache Mittelstandsfamilien, die schleichend an den inneren und äusseren Umständen zu zerbrechen drohen, in denen sie sich  befinden. Was nicht heisst, dass Villaverdes Filme hoffnungslos sind. Weit entfernt von simpler Sozialkritik, thematisieren sie akute gesellschaftliche Probleme, ohne zu werten, sondern reflektieren ganz unangestrengt dominante Sichtweisen und brechen diese dann auf. Als Mittel zum Zweck wird ihr dabei eine jeweils sehr eigene, mitunter radikale filmische Form, anhand derer sie ähnlich entschlossen wie ihre Figuren gegen den Status quo rebelliert.

 

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Für Villaverde, möchte man meinen, ist das Kino ein Ort der Beunruhigung. Das wird bereits in Alex deutlich, in dem sie rückblickend eine Kindheit im Portugal der frühen siebziger Jahre schildert. Es ist die Zeit vor der grossen Revolution, als das diktatorische Kolonialregime im fernen Afrika noch immer verzweifelt ein imaginäres Weltreich zu verteidigen suchte, während zu Hause die Missstände sowie der Druck auf die eigene Bevölkerung immer offensichtlicher wurden. Wie schwer sich das Land noch lange nach Beendigung der Kämpfe mit der Aufarbeitung des Kolonialkriegs tat, zeigt schon, dass Villaverde 1991 noch zu den ersten Künstlern gehörte, die sich überhaupt an die Thematik heranwagten. Aus den Augen der neuen Generation blickt sie jedoch weniger intensiv auf die historische Ereignisse damals zurück als vielmehr auf die Atmosphäre und leistet somit eindrucksvoll ein Stück Trauerarbeit, in dem sie, mit der unbefleckten Sicht einer jungen Auteurin, den Untergang des Gewesenen reflektiert. In langen, ruhigen Einstellungen, in denen sich die kostbaren, sensiblen Bilder der Erinnerung spiegeln, folgt Villaverde ihren Protagonisten durch den Alltag, bis sich am Ende die Katastrophen förmlich überschlagen. Bis dahin bleibt vieles nur angedeutet, denn die Regisseurin lässt gern viel Raum zur eigenen Reflexion.

Dieser spezielle Wunsch nach individueller Interpretation und dem Ziehen eigener Schlüsse ist der 1966 in Lissabon geborenen Tochter des Journalisten Alberto Villaverde Cabral gewissermassen schon in die Wiege gelegt worden. Nach einem kurzen Studienaufenthalt in Prag als Stipendiatin der dortigen Filmhochschule begann sie ihre Karriere zunächst vor der Kamera. Als Schauspielerin war sie unter anderem in Hovering over the Water (1986) von João Cesar Monteiro in einer Nebenrolle zu sehen, bis sie schliesslich Assistentin von Paulo Rocha wurde und gemeinsam mit João Canijo und José Álvaro Morais Drehbücher schrieb. Diese autodidaktische Herangehensweise an das Filmhandwerk zog sie einer vermeintlich trockeneren Hochschulausbildung vor – eine Entscheidung, die sich im Nachhinein als ein Glückfall für das Kino erwies, und zwar nicht nur das portugiesische. Seit Jahren laufen ihre Filme auf den grossen internationalen Filmfestspielen dieser Welt und sorgen dort angesichts ihrer bildstarken, unkonventionellen Erzählweise nicht nur regelmässig für Aufsehen, sondern immer wieder auch für rege Diskussionen. Umso mehr verwundert es, dass die engagierte Regisseurin über die Festivalgrenzen hinaus bis heute noch immer als Geheimtipp gilt.

Das dürfte zum einen an der  zurückhaltenden Art Villaverdes selbst liegen, die sich am liebsten auf ihre Arbeit konzentriert, zudem selten Interviews gibt und stattdessen ihre Kunst für sich sprechen lässt. Zum anderen sind auch ihre Filme  stets einem eher zarten, unaufdringlichen Blick verhaftetm der, geschult am portugiesischen Novo Cinema der sechziger und siebziger Jahre, im Grenzbereich zwischen Gestern und Morgen nach neuen Antworten sucht. So wie in Colo, dem jüngsten Film im wundersamen Œuvre Villaverdes, der im Vergleich zu ihren früheren Arbeiten auf den ersten Blick (und nur auf den ersten) ein wenig sanfter wirkt, geschlossener – und sachlicher. Doch auch in augenscheinlich geordneten Bahnen ist die leise Beobachterin ganz in ihrem Element, erzählt in überlegten, Tableau-artigen Bildkompositionen und langen Kamerafahrten, wie eine mittelständische Familie aus Vater, Mutter und 17-jähriger Tochter unter den Folgen der Wirtschaftskrise zu kapitulieren droht. Gemeinsam suchen sie jeder für sich einen Weg aus der Verstrickung, die ihnen allmählich die Luft zum Atmen nimmt. Am Ende ist nichts wahrscheinlich, aber möglich schon. Und auch da ist sie wieder, die Freiheit, die die Regisseurin ihren Protagonisten und ihrem Publikum eingesteht, damals wie heute.

Wichtig für das Gelingen des schwierigen Balanceaktes zwischen kühler Beobachtung und poetischer Imagination, den Villaverde in ihren waghalsigen Inszenierungen immer wieder eingeht, sind vor allem die Darsteller, die ihre gescheiterten, gequälten oder vom Verfall begriffenen Figuren verkörpern. Zwei Schauspielerinnen fallen dabei besonders ins Auge: Maria de Medeiros und Ana Moreira, die beide wiederholt in Villaverdes Filmografie zum Vorschein kommen. Ist Medeiros in Alex noch in einer Nebenrolle als sprunghaftes Liebchen zu sehen, kann man ihr ganzes schauspiel-

erisches Können bereits in dem Nachfolger Two Brothers, My Sister bewundern. In dem düster-verqueren Familiendrama  spielt sie die unter den misslichen Familienverhältnissen leidende Schwester in einem von Männern dominierten Haushalt, dessen ungerechtes Gleichgewicht gänzlich kippt, als ihre vom blinden Vater gepeinigte Mutter in einem letzten Kraftakt Selbstmord begeht. Medeiros gibt ihrer Figur hier alles, was sie kurz zuvor in ihrer glorreichen Nebenrolle als die süsse Fabienne in Pulp Fiction verschwiegen hatte. Oft sprachlos, mit furchterfülltem Blick und  feinsinnigsten Gesten schwebt sie permanent über dem Abgrund, siegessicher wie ein gefallener Engel, der verzweifelt nach Geborgenheit sucht und zur Strafe in der totalen Isolation endet.

Ganz anders dagegen begegnet uns Ana Moreiras trotzige Andreia, die sich mit der Einsamkeit längst angefreundet hat. In The Mutants verkörpert sie die junge Schwan-

gere, die in Lissabon in einem Heim für umherstreunende und missbrauchte Teenager aufwächst, aus dem sie immer wieder ausbricht, um sich und der Welt zu beweisen, dass sie sich nicht unterkriegen lässt. Und auch Sonia, die junge Russin, der Moreira in Trance ihren Körper und Geist verleiht, rebelliert bis zum Schluss gegen das ver-

sklavte Dasein, in dem sie vor sich hin vegetiert und von dem sie längst weiss, dass es daraus kein Entkommen gibt. Was sie dennoch antreibt, ist ihr eiserner Wille, sich trotz allen Elends noch einen Funken der eigenen Identität zu bewahren, wie als Beweis dafür, dass sie einmal Teil dieser Welt war und dass sie auf Erden geliebt, gelebt und gelitten hat. Dieses Motiv der Selbstbewahrung verbindet alle drei Frauen und es steht symbolisch für das von einer sinnlichen und zugleich intensiven Wucht getriebene Werk Villaverdes, in dem die Wildheit der Verzweiflung genauso zu Hause ist wie die Nüchternheit der Wahrheit.

«Was ist Liebe?,» fragt die Kinderstimme aus dem Off am Ende von Two Brothers, My Sister, als der Film in seiner letzten Einstellung das Schicksal von Maria besiegelt. Die Antwort: «Liebe muss es irgendwo geben.» In den Filmen von Teresa Villaverde ist sie in den verwegensten Formen zu finden, und wer gewillt ist, sich gemeinsam mit der Regisseurin auf die Suche zu begeben, wird am Ende entsprechend belohnt.

 

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