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Vom längeren Glück –

Serien erobern die Kinoleinwand

Essay von Regula Freuler

Als ultimativen Bildrausch zeigt das Festival mit Les Revenants und Top of the Lake zwei der angesagtesten Mystery-Serien en bloc und behauptet: Die neuen Qualitätsserien gehören auf die grosse Leinwand!

 

Als David Lynch 1990 Twin Peaks drehte, galt Fernsehen noch als hässliche Cousine des glamourösen Kinos. Der «kleine Bildschirm» bot zwar eine willkommene Lohnaufbesserung, aber eigentlich empfanden Hollywood-Grössen ihn als unter ihrer Würde. Gut dreissig Jahre später sieht das ganz anders aus. Es gibt immer mehr Fernsehserien, die mit dem Fastfood für die Augen von früher – lieblos zubereitet, schnell verschlungen, schnell verdaut – nichts mehr gemein haben. Stattdessen bekommen wir komplexe Geschichten, Charaktere mit Tiefgang und aufwendige Ausstattungen serviert. Und weil das alles auch noch spannend erzählt wird, sind Qualitätsserien allmählich zu einer echten Alternative für das Arthouse-Publikum geworden.

 

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Selbst der letzte Fernsehverächter muss einräumen: Hier gab es einen formalen wie inhaltlichen Klassensprung. Immer mehr Serien können spielend mit Kinofilmen mithalten und werden darum vermehrt an Filmfestivals gezeigt. Der Schritt ins reguläre Kinoprogramm dürfte nur eine Frage der Zeit sein. Mit der Niveauhebung ging eine fundamentale Statusverschiebung einher. Mittlerweile buhlen Top-Regisseure um Serienprojekte bei Sendern wie HBO, der 1999 mit The Sopranos die Revolutionierung des Genres eingeläutet hat. Eine ganze Reihe von Hollywood-Schwergewichten wendet sich dem Serienschaffen zu: Martin Scorsese räumte mit Boardwalk Empire unzählige Auszeichnungen ab. Gus van Sant drehte den Pilot zur Polit-Dramaserie Boss, Neil Jordan (Interview With A Vampire) gelang als Drehbuchautor mit The Borgias ein Comeback, und David Fincher sorgte jüngst mit House of Cards für Furore.

Natürlich gab es schon immer Regisseure wie etwa Barry Levinson und Robert Altman, die sich zwischen Kino und Fernsehen bewegten. Doch wurde der Schritt zum Fernsehen oft als Renommeeverlust gefürchtet. Heute hingegen reizt er Regisseure nicht nur des Geldes und der hohen Einschaltquoten wegen, sondern wegen der künstlerischen Freiheiten, welche in den USA vor allem Bezahlsender bieten und den Filmstudios dadurch ernstzunehmende Konkurrenz machen. Bei den Kabelsendern ist alles erlaubt – ja erwünscht! –, was die Götter von Hollywood verbieten: Man darf schwierige Stoffe langsam entwickeln, mit neuen Erzählformen experimentieren. Drehbuchautoren dürfen Identifkationsfiguren «töten», neue Handlungsstränge anfangen, nur um sie dann lose baumeln zu lassen. Komplexität ist bei Qualitätsserien ebenso möglich wie Nacktheit und ausgiebiges Fluchen, beides Garanten für Authentizität, beides im amerikanischen Kino und vor allem im öffentlich-rechtlichen Fernsehen nach wie vor Tabus.

Kein Wunder also bei solchen Produktionsbedingungen, dass nicht mehr die Sender bei den Hollywood-Schwergewichten anklopfen, sondern umgekehrt. HBO lehnte es einmal sogar ab, eine Serie nach einem Pilot der Oscar-Gewinnerin Kathryn Bigelow weiterzuverfolgen. Nicht wenige Regisseure stemmen noch so gerne neben ihren Filmen fürs Kino regelmässig Fernsehprojekte, unter ihnen Lisa Cholodenko (The Kids Are All Right). Und Martin Scorsese gab vor kurzem bekannt, dass er seinen Film Gangs of New York zur Fernsehserie ausbauen wolle; nur dort könne er all das unterbringen, was eben nicht in zwei Kinostunden Platz gefunden habe.

Dass mit Les Revenants und Top of the Lake zwei fürs Fernsehen gedrehte Serien im Rahmen von Bildrausch an einem Filmfestival und am Stück gezeigt werden, ist eine Folge sowohl der neuen hohen Qualität wie auch des veränderten Konsumverhaltens: Immer weniger Menschen warten geduldig auf die reguläre Ausstrahlung einer neuen Episode, sondern bestellen sich DVDs von der anderen Seite des Globus oder laden sich neue Folgen aus dem Internet herunter, um übers Wochenende eine ganze Staffel zu schauen. Im Branchenjargon heisst das «Binge Viewing», abgeleitet von «Binge Drinking» (Komasaufen). Lieber nennen die Studios es allerdings «Marathon-

ing» – das klingt gesünder. Mit David Finchers House of Cards ist sogar erstmals eine Serie gedreht worden, die nicht mehr anders geschaut werden will als am Stück. Die Zuschauer konnten alle Episoden der ersten Staffel auf einmal herunterladen.

Obwohl sie auf verschiedenen Kontinenten spielen, haben Les Revenants und Top of the Lake – letztere Serie feierte im Januar am Sundance Filmfestival Premiere – viele Gemeinsamkeiten. Beide sind in abgeschiedenen Kleinstädten in der Nähe eines geheimnisvollen Sees situiert, und allerlei verrückte Dinge lassen die Menschen, die durch dunkle Geheimnisse miteinander verbunden sind, an ihrem Verstand zweifeln. In Top of the Lake wird eine 12-jährige Schwangere aufgegriffen und verschwindet kurz danach. Eine Kriminalagentin macht sich auf die Suche, und sehr bald wird klar, dass es sich hier vielmehr um eine persönlich motivierte Mission als um eine professionell-distanziert durchgeführte Polizeiaktion handelt. Sechs Stunden lässt sich die Regisseurin Zeit, um all die Verstrickungen der Figuren zu erzählen und den Fall zu lösen, und so bleibt viel Raum für wunderbare Nebenhandlungen. Gerade sie machen den Reiz dieser Serie aus.

Les Revenants, die Adaption eines gleichnamigen Kinofilms, ist radikaler und wegen seiner stark an David Lynch erinnernden Atmosphäre und der narrativen Schlenker auch irritierender, wenngleich die Erzählstruktur – jede Episode fokussiert auf eine andere Figur – fernsehserientypisch ist. Wer mit dem Genre «Zombie-Film» eigentlich nicht viel anfangen kann, sollte sich trotzdem nicht abschrecken lassen. Die vom französischen Canal+ eigenproduzierte Serie ist eine fesselnde siebenstündige Parabel über unser Hadern mit dem Tod nahestehender Menschen: In einer Kleinstadt in den Bergen tauchen nach und nach Verstorbene auf. Kommen sie, um sich zu rächen? Um eine Antwort auf ihr Sterben zu finden? Und was hat es mit den Veränderungen am Stausee auf sich? Anders als viele Zombie-Filme gaukelt Les Revenants keine Pararealität als Normalität vor, sondern lässt auch stets offen, dass die Figuren bloss halluzinieren. Der Spuk nimmt dann sein Ende, wenn die Menschen sich mit dem Schicksal – eben dem Tod von Liebsten – abfinden. Insofern hat die Serie geradezu spirituellen Tiefgang.

Solche Geschichten auf angemessen komplexe Weise zu erzählen, braucht seine Zeit. Und nicht nur jeder Seriensüchtige ist dankbar, wenn das Fernsehen das möglich macht, sondern auch die Serienmacher. So sagte Martin Scorsese nach der Fertigstellung der Pilot-Episode von Boardwalk Empire: «Es ist toll! Endlich kann ich mal sehen, was mit den Figuren geschieht, nachdem der Film zu Ende ist.»

 

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