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Dušan Makavejev –

Hommage

Essay von Olaf Möller

Bildrausch widmet Dušan Makavejev eine Hommage. Eine umfassende Retrospektive aller verfügbaren Filme des Altmeisters wird anschliessend an Bildrausch im Stadtkino Basel gezeigt. Die Retrospektive ist eine Kooperation zwischen der Slovenska Kinoteka, dem Filmmuseum Österreich und Bildrausch | Stadtkino Basel. Wir danken Jurij Meden und Regina Schlagnitweit ganz herzlich.

 

In den 1960er-Jahren war die Sozialistisch-Föderative Republik Jugoslawien (SFRJ) eine der erstaunlichsten Kinematografien der Welt: Das Land schien zu bersten vor Talenten dank der seinerzeit liberalsten Kulturpolitik des gesamten staatskommunistischen Europas. Der Staat war mittlerweile so stark in sich gefestigt, dass man die eigene Gegenwart wie Geschichte auch etwas kritischer betrachten konnte – klar, knurrten die Kettenhunde der Nomenklatura, nichtsdestotrotz: Unendlich viel schien möglich und machbar.

 

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Eine Idee davon, wie sich diese SFRJ damals in ihren besten Momenten wohl angefühlt hat, bekommt man bei der Betrachtung von Karpo Godinas I Miss Sonja Henie (Manjka mi Sonja Henie) (1972), einem exzentrischen Cadavre-Exquis-Experiment, geschaffen aus Material, das während des dritten Belgrader FEST aufgenommen wurde. Sieben Regisseure und ein Auteur-Gespann, Festivalgäste allesamt, bekamen jeweils eine Rolle 35mm-Rohfilm sowie folgendes Regelwerk an die Hand: Das Bild – Set, Ausschnitt, Optik – war für alle gleich und durfte nicht verändert werden; irgendwann während der drei Minuten musste irgendwer im Bild den von Snoopy geläufigen Satz «I miss Sonja Henie» von sich geben; ansonsten konnten alle machen, was sie wollten. Und das taten sie auch: Die anarchische Energie der Collage, die Godina aus diesen Einzelimprovisationen am Schneidetisch wob, deren Verspieltheit und diese so offensichtliche Lust aller Beteiligten daran, einfach ins Blaue zu spintisieren, verpflichtet allein einem Gefühl des Augenblicks – das war die SFRJ-60s-Schönheit. I Miss Sonja Henie ist eines der letzten Beispiel davon, ein Nachsatz eigentlich: In dem republikweit politisch brisanten Jahr 1971 wurde Lazar Stojanovics Plasticni Isus (1971) verboten, sein Macher ins Gefängnis gesteckt, dessen Mentor an der Filmakademie, Aleksandar Petrovic, seines Postens enthoben; aus der Neuen Welle war im offiziellen Sprachgebrauch mittlerweile eine Schwarze geworden. 

 

Das Erste, was man in I Miss Sonja Henie zu sehen bekommt, als eine Art Vorspiel, ist der Beitrag von Dušan Makavejev: Ein Paar ergeht sich, wild in die Kamera linsend, aufs Ekstatischste in einem Zungenschlag. In dieser einen Einstellung steckt schon, höchstverdichtet, das ganze Makavejev’sche Genie: Dieser Gusto an der Provokation, am Bizarr-Grotesken, wie dieser Zug zum Fleisch, die Freude an dessen asozial-klassensprengendem Potenzial. Makavejev war und ist ein Freigeist, unbedingt in seiner Verachtung für Verbote, dabei ein Überlebenskünstler, der weiss, wie man seinen Ideen in jeder Zwangslage einen gerechten Ausdruck verleihen kann. Und eins ist sicher: Ob in der SFRJ oder im Rest der Welt, den Atem des Hausmeisters spürte er stets im Nacken.

 

1971 war auch ein Schlüsseljahr in der Karriere von Dušan Makavejev: WR: Mysteries of the Organism (W.R. – Misterije organizma), jenes Meisterwerk, auf dem sein Ruf als Revolutionär des modernen Kinos fusst, wurde international zum Ereignis und daheim zum Skandal. Als man Makavejev dann auch noch mit einer Gefängnisstrafe drohte, war klar, dass er der SFRJ besser den Rücken kehren sollte, was er 1973 auch tat. Er sagte immer, man habe ihn zu «Zwangsarbeit im Ausland» verurteilt – eine Bemerkung, die u.a. zu einer unangemessenen Unterschätzung seines erzählerisch konventionsnäheren internationalen Schaffen in den 80er-Jahren führte. 

 

Dušan Makavejev – gebürtiger Belgrader (13.10.1932); frühreifer Cinephiler (erste Projektions-Ekstasen mit sieben); studierter Psychologe (Abschluss 1955) und Theatermann (Abschluss 1959) – war von seinen Amateurfilmen an ein Skandalon des SFRJ-Kinos: Scharmützel, manchmal auch ausufernde Schlachten mit Zensoren gehörten seit spätestens Spomenicima ne treba verovati (1958) zu seinem künstlerischen Alltag. Wie die meisten Grossen seiner Generation erlangte auch er bereits durch seine Kurzfilme eine gewisse Berühmtheit: Pecat (1955), Osmeh 61(1961), Parada, Dole plotovi und Ljepotica 62 (alle 1962), Satiren allesamt auf die offiziöse Ritualkultur, animiert sein so subtiler wie satirisch-bissiger Geist; Prokleti praznik und Slikovnica pcelara (beide 1958) wiederum sind schöne Beispiele für seine Freude am Populären, die Liebe zu Volkskulturen. 

 

Im Vergleich mit den besten seiner kürzeren Werke wirkt Man is Not a Bird (Clovek ni ptica) (1965), Makavejevs visuell atemberaubendes Langfilmdebut, erst einmal frappierend konventionstreu: Die gehemmte Liebesgeschichte zwischen Jan, dem so brillanten wie vorbildlichen Ingenieur, und Rajka, der Schönheit aus dem Kaff, in das man ihn schickte, wird recht gradlinig-poetisch vom Anfang über die Mitte bis zum Ende hin erzählt. Das hätte so oder so ähnlich z.B. auch Aleksandar Petrovic inszenieren können. Makavejev hielt sich, scheint es, erst einmal zurück, seinen recht eigenen Humor, dito den Willen zur Brechung der Kunstkinofassade, liess er hier nur angelegentlich aufblitzen – diverse Nebenfiguren wie der Hypnotiseur oder der Schlangenschlucker sorgen für Momente einer so freundlichen wie grimmigen Irritation; der rustikale Charme dieser Prachtexemplare einer alten, sensationslustigen Vulgär-Unterhaltungskultur nimmt sich fast heimelig aus neben den Seelenqualen des soz-realen Protagonisten. 

 

In Man is Not a Bird wurden bloss ein paar Kratzer in den Spiegel geritzt – über die nächsten drei Werke, Love Affair, or the Case of the Missing Switchboard Operator (Ljubavni slucaj ili tragedija službenice P.T.T.) (1967), Innocence Unprotected (Nedolžnost brez zašcite) (1968) und schliesslich WR: Mysteries of the Organism wurde das Spiegelzerschmettern zum Basisakt der Makavejev’schen Kinokunstpraxis. In Love Affair, or the Case of the Missing Switchboard Operator wird die «eigentliche» Moritat von Begehren und Tod durch Flash Forwards desillusionierend zerschnitten, zudem durch Vorträge diverser Wissenschaftler, eine Dokumentation über Ungezieferausrottung, einen Belle-Époque-Porno etc. auch noch ständig kommentiert; Innocence Unprotected, dann ist ein Détournement-durch-exzessive-Annotationen: Makavejev gestaltete den gleichnamigen, 1943 uraufgeführten, seit ’45 «unerwünschten» Film des Sensationsdarstellers Dragoljub Aleksic neu für seine Zeit, indem er ihn erst kürzte und dann durch historisches Dokumentarmaterial sowie aktuelle Spielszenen mit dem gealterten Aleksic anreicherte – am Ende war da mehr Randnotiz als Haupttext; mit WR: Mysteries of the Organism sprengte Makavejev schliesslich sämtliche Genregrenzen – eine Filmcollage um Wesen und Wirken Wilhelm Reichs beschreibt diese irrlichternde, polymorph perverse Mixtur aus Dokumentation, brechtisch-volksstückhaften Spielszenen, polithistorischen Essay(ein)schüben und Aufklärungsfilm noch am neutral-sachlichsten. Das ist es denn auch, was man bis heute mit dem Namen Makavejev verbindet: dieses subversive, der Sinnes-, Wol- wie Theorielust huldigende Kino der Collage.

 

Mit Sweet Movie (Sladki film) beginnt die internationale Periode Makavejevs, auch wenn der Film noch nach den Prinzipien seiner letzten SFRJ-Werke funktioniert: Zwei sich wie eine Doppelhelix umwindende Grotesken – die Passion(en) der Miss World 1984 und die wirren Wege der Revolutionärin Anna Planeta – liefern das narrative Gerüst – dazwischen immer wieder, als unheimlicher Hallraum, Katyn, die Massengräber, gefilmt von den Nazis. Eigenartig schwerelos fühlt sich Sweet Movie an: Hier geht wirklich alles, inklusive Porno – was dem Ganzen etwas so bezaubernd wie verstörend Abstraktes verleiht. Sweet Movie ist Makavejevs freiester wie verstiegenster Film – darin aber auch sein einsam-verlassenster. 

 

Mit Montenegro, or Pigs and Pearls (1981), The Coca-Cola Kid (1985) und Manifesto (1988) realisierte Makavejev drei vergleichsweise gradlinig erzählte, dabei überkandidelt-kirre, bodenständig-surrealistische Satiren. Alle drei sind formal Parodien des dominanten Kinos ihrer jeweiligen Herstellungsländer (was im Fall der Cannon-Produktion Manifesto bedeutet: des internationalen Arthouse-Films in seiner ganzen Unbehaustheit). Allesamt haben sie etwas erotisch Räudig-Struppiges wie politisch Unversöhntes. Und was vielleicht am wichtigsten ist: Sie sind durch und durch geprägt von Makavejevs hell-bilderstürmerischem Geist. 

 

Mit Gorilla Bathes at Noon (Gorila se kopa opoldne) nahm Makavejev Abschied vom Kino, wie überhaupt jener Welt, von der er stets erzählte: das kurze 20. Jahrhundert. Sicher, er wollte danach noch weitere Werke schaffen, realisierte ja auch für die BBC den autobiografischen Einstünder A Hole in the Soul (Luknja v duši,1995), aber eigentlich war Schluss für ihn mit dem Mauerfall, von dessen Folgen für einen «vergessenen» Rotarmisten Gorilla Bathes at Noon erzählt. Makavejev kehrt noch einmal zurück zur Collage, weiss z.B. Michail Ciaurelis künstlerisches Dokument Padenie Berlina (1949) ironisch in Einklang zu bringen mit seinen eigenen armen Improvisationen im neuerlich «befreiten» Berlin – wobei man spürt, dass hier einer auf etwas zurückgreift, Rückschau hält; wenn er hier, wie zuvor schon in WR: Mysteries of the Organism, auf Ciaureli rekurriert, dann hat das etwas von einer Wiederbegegnung mit einem alten Bekannten – «Hello, darkness, my old friend». 
Vorwärts hingegen ging danach nichts mehr in der Welt, was des heiter-kritischen Genies eines Dušan Makavejev würdig gewesen wäre.

 

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