Palmarès 2016

Bildrausch-Ring

der Filmkunst

Apichatpong Weerasethakul

CEMETERY OF SPLENDOUR
Th, UK, F, D, Mal, SK, Mex, USA, Nor 2015

Preisträger*in
Filmbild*in

 

ex aequo mit

Ruth Beckermann
THE DREAMED ONES
Österreich 2016

Preisträger*in
Filmbild*in

Jurybegründung

Die Vorstellung von Soldaten unterschiedlichster Herkunft, die bis zu ihrem Tod schlafen – diese Grundidee beschreibt die kreative, poetische und politische Ambition, die dieser Film erfüllt. Cemetery of Splendour steht für die ganz eigene Art, Realität und Fantasie sowie individuelle Träume und kollektive Albträume zu vermischen. Für seine bewegende Fähigkeit, mit tragischer Anmut von tiefer und lyrischer Intimität zu sozialer Lähmung zu wechseln. Für seine unnachahmliche Vermengung von Vergangenheit und Gegenwart, von mythischen Erzählungen und alltäglichen Anekdoten. Dafür, dass es ihm gelingt, im selben Werk politische und ästhetische Rebellion zu verbinden, was ziemlich ungewöhnlich ist. Für seinen Ehrgeiz. Für die Kohärenz mit den früheren Werken des Regisseurs. Für sein feines Gespür für den Kampf von persönlichen Erinnerungen gegen die erdrückende Präsenz struktureller Gewalt, gegen systematische Gehirnwäsche und gegen nationalen, hypnotischen Patriotismus. Für seine Schönheit, für die überwältigende und vibrierende Leistung in Tondesign und Kameraarbeit. Dafür, dass der Regisseur stets auf unbestechliche Weise sich selbst und seiner Ästhetik treu bleibt. Und schliesslich für die wachrüttelnde Kraft mit der er das Unfassbare heraufbeschwört, was nur grosser Kunst gelingt.

 

Eins und eins wird in wertvollen Filmen zu drei. Eine Stimme, ein Gesicht, ein Text ergeben diese dritte Dimension einer Beziehung, die sich in unmöglichen Behauptungen und Zweifeln entwickelt. Eine Frau und einen Mann, zwei dichterische Werke, die die Regisseurin meisterlich inszeniert. Ein tiefgreifender Briefwechsel, der von einer gegenseitigen Wertschätzung getragen ist; eine Passion, die nie vollendet wird. Hier versucht der Film, das Mysterium und das Magische dieser Liebe anhand der über 20 Jahre dauernden Korrespondenz zu durchleuchten. Das feinfühlige Rezitieren der Briefe und das Spektakel der Gesichter, die die Landschaften dieser Sehnsucht skizzieren. Die zwei Protagonisten repräsentieren zwei Ebenen des Films, als Vortragende der Liebesbriefe und als Schauspieler, die zwischen den Aufnahmen das Gesprochene ins Heute zu übersetzen versuchen. Und diese Zwischenspiele geben auch dem Zuschauer Raum, um diese schmerzvolle Liebe zu träumen, wirken zu lassen. Die Geträumten ist mit grosszügiger Sinnlichkeit von Ruth Beckermann inszeniert, ohne dass eine pathetische Annäherung diese Vision trübt. Der Film ist die Geschichte eines sprachlichen Tanzes zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan in einem Nachkriegs-Europa, gezeichnet von NS-Ideologie und Holocaust, er ist aber ebenso eine cineastische Geste, welche diesen Liebenden auch im hier und jetzt Relevanz verleiht. Der Film besticht durch die Wahl der schlichten Mittel und macht ihn somit umso eindringlicher, er spricht uns zutiefst an. Die Poesie des Unsäglichen und Unsagbaren, des Mysteriums ist auch diejenige der Filmkunst, wie sie Ruth Beckermann mit uns teilt.