Das Leben mag schwarz-weiss und grau sein in Alexandre Rockwells grobkörnigem Sozialdrama, die Fantasie ist dafür umso bunter. Ob Glücksmoment, Traum oder Erinnerung, es sind seltene glitzernde Farbtupfer im Film und in einer Kindheit, die hauptsächlich von den Problemen der getrennten Eltern bestimmt wird. Billie und Nico sind Geschwister, die sich selbst durch ihren Alltag in einer kleinen Hafenstadt in Massachusetts schlagen, weil ihr Vater, bei dem sie aufwachsen, trotz aller Liebe und Wärme für seine Kinder zu sehr dem Alkohol verfallen ist und die Mutter jede Verantwortung von sich weist, bis die Umstände es von ihr verlangen. Am Ende bleibt Billie und Nico nur die Flucht nach vorn in eine Utopie, die sie sich gemeinsam mit einem Nachbarsjungen als magischen Abenteuerraum erschliessen, bis die harte Realität erneut über sie hereinbricht und Tatsachen schafft.
Für den gefeierten US-Indie-Regisseur (In the Soup, 1992), der hier zum zweiten Mal mit seiner eigenen Familie arbeitet, ist Sweet Thing mehr als das Porträt einer gebrochenen Kindheit oder lediglich die Fortsetzung seines Festivalhits Little Feet (2016). Es ist der sehr persönliche Versuch, zwischen den Rissen Platz für das Menschliche zu finden sowie für eine Musik (Billie Holiday!) und eine Poesie, die von der unbändigen Kraft der Liebe spricht.