XI YOU

  • Tsai Ming-liang

Neben seinen älteren Kollegen Edward Young und Hou Hsiao-hsien gilt Tsai Ming-liang – Jahrgang 1957, in Malaysia aufgewachsen und mit Anfang 20 nach Taiwan übergesiedelt – als einer der bedeutendsten Vertreter des neuen taiwanesischen Kinos. Tsais knapp einstündiges, filmisches Meditationsexperiment Journey to the West (Xi You) ist der sechste einer Reihe von Filmen, die unter dem Sammeltitel The Walker entstanden und ihren Ausgang 2011 in einer Aufführung seines Theaterstücks «Only You» nahmen, in dem Tsais Lieblingsdarsteller Lee Kang-sheng ausserordentlich langsam die Bühne querte.

Hier nun bewegt Lee sich in der Tracht eines buddhistischen Mönchs als ein fleischgewordenes Zeichen der Versenkung im Schneckentempo durch Marseille. Buchstäblich. Die Figur bezieht sich auf den berühmten chinesischen Pilgermönch Xuanzang, der im siebten Jahrhundert nach Indien reiste, um dort den Buddhismus zu studieren. Doch auch ohne dieses Wissen begreift man unmittelbar, was der scharfe Kontrast von Superzeitlupenmönch und unverminderter grossstädtischer Hektik abbildet: absolute Gegenwart, Dasein im Moment, Existenz in Reinform. Ein Vorschlag des Innehaltens und Sichbesinnens, der lange ungehört zu verhallen scheint. Ob ihn wohl schliesslich doch jemand annehmen wird?

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