JAHR

 


BRENT GREEN

GRAVITY WAS EVERYWHERE BACK THEN

USA 2011

|  zum Film

 

 

JURYBEGRÜNDUNG

«Mehr als hundert Jahre nach seinem Entstehen kämpft das Kino noch immer um seine Anerkennung als Kunstform», steht im Einführungstext des kleinen Katalogs zur ersten Ausgabe von Bildrausch. Bildrausch sei deshalb als Fest konzipiert, das den gezeigten Filmen einen festlichen Rahmen bieten möchte, der dem Publikum signalisiert, dass es sich – wie bei einem Museums- oder Theaterbesuch – auf etwas Besonderes, Einmaliges einstellen darf...

In der Tat – nachdem ich mir alle 15 Filme des internationalen Wettbewerbs angeschaut hatte, fühlte mich nicht nur persönlich, sondern auch in meiner Arbeit als Filmemacher bereichert und ermutigt zu neuen Versuchen.

 

Unbesehen von der Tatsache, dass sich das Multiplex-Konzept heutiger Kinokultur immer weiter entfernt vom oben geschilderten Kunst-Anspruch, durfte ich bei diesem Querschnitt durch das aktuelle internationale Filmschaffen eine ungebrochene Lust an originellen filmischen Erzählformen und eine grossartige Vielfalt an formal überzeugenden und inhaltlich relevanten Ausdrucksmitteln feststellen.

Obwohl ich bei einer Auswahl von 15 Filmen mindestens 6 Filme gesehen habe, die mich beeindruckt haben (eine überdurchschnittliche Festivalausbeute!), ist mir die Wahl des Favoriten nicht schwergefallen, und da ich das einzige «Mitglied» dieser Jury bin, hat dieser Film nun auch den Wettbewerb gewonnen: Gravity Was Everywhere Back Then von Brent Green.

 

Green’s Film hat mir in den ersten Minuten erst einmal einiges abgefordert an Bereitschaft, auf seine äusserst eigenwillige, seltsam flackernde und stotternde Sprache einzusteigen – um mich danach umso nachhaltiger in seinen Bann zu ziehen und schlussendlich mit einer Geschichte von seltener Eindringlichkeit zu beschenken. Was am Anfang als leicht gewöhnungsbedürftige, etwas manierierte Kunst-Attitüde erscheint, erweist sich schon bald einmal als absolut zwingende, perfekt die Welt der Protagonisten wiedergebende Ausdrucksform, nicht nur im virtuosen Umgang mit fast allen Möglichkeiten heutiger Filmtechnik, sondern vor allem im tiefen, spürbar persönlichen Nachvollziehen des geschilderten Schicksals. Gravity Was Everywhere Back Then ist die organische Verbindung von Kunst und Erzählkino – und damit auch die perfekte Einlösung des Bildrausch-Versprechens...

 

Trotz  leidenschaftlicher Empathie und einer faszinierenden, gleichsam fluktuierenden Identifizierung mit dem Schicksal seines ehemaligen Nachbars Leonardt Wood erzählt Brent Green die tragische Liebesgeschichte zwischen Leonardt und Mary ohne jede Larmoyanz. Leonardt ist ein Bastler und Tüftler, ein Instrumenten- und Häuserbauer, und Mary hat sich auf Vogelhäuschen und den Handel mit Vogeleiern spezialisiert. Ihre erste Begegnung findet in Form eines Auto-Unfalls statt, als physisches Zusammenprallen – ein starkes Bild für die Schicksalshaftigkeit und Heftigkeit ihrer Gefühle, aber auch ihrer linkischen Art, aufeinander zuzugehen. Nach und nach werden wir eingeführt in den zauberhaften Kosmos dieser zwei Verlorenen – in eine Geschichte voller Zärtlichkeit und abgründiger Traurigkeit, wunderschön erzählt. Auch eine wahre Geschichte, die mich zuweilen an Armand Schulthess aus dem Film von Hans-Ulrich Schlumpf erinnert hat, vor allem aber an Becketts Theaterstücke mit ihren clownesken Gestalten, in einer gottlosen Welt sich selbst ausgeliefert,  und mit grotesken Ritualen und sinnlosem Aktivismus gegen das Nichts ankämpfend.

Ich gratuliere Brent Green und seinen MitarbeiterInnen zu diesem Werk, zu ihren Bildfindungen voller Intimität und Poesie, zum feinen Sprechtext, dem stimmigen, selbst komponierten und selbst gespielten Soundtrack... Vor allem aber gratuliere und danke ich ihm für sein in dieser Art noch nie gesehenes, wunderbar unsentimentales und dadurch umso berührenderes Manifest für die Liebe!

 

Zum Schluss möchte ich meine Carte Blanche hier auch noch nutzen, um eine sogenannte «lobende Erwähnung» anzufügen:

Diese geht heuer an das Stadtkino Basel respektive dessen Direktorin Nicole Reinhard und Beat Schneider vom Xenix Zürich, die sich in der übersättigten Festival-Landschaft Schweiz mit ihrem Bildrausch- Festival weit auf die Äste hinausgewagt haben.

Ich gratuliere ihnen zu diesem exquisiten kleinen Festival, dem ich für die Zukunft eine entsprechende Aufmerksamkeit, ein grosses Echo und viel Erfolg wünsche. Zudem möchte ich mich an dieser Stelle bei ihnen bedanken für ihr langjähriges Engagement für eine lebendige, offene und mutige Filmkultur in diesem Land!

 

Peter Liechti