Marathon

 

 

Gretchen hat ein alljährliches Ritual: An einem bestimmten Tag versucht sie so viele Kreuzworträtsel wie möglich zu lösen. Der Rekord steht bei siebenundsiebzig. Sie macht sich auf in das Dickicht von New York: Gothams Metropolen, vor allem der U-Bahn-Lärm soll ihr die Gehirnwindungen lockern, das Erinnerungs- wie Kombinationsvermögen beschleunigen. Während sie vor sich hin grübelnd und skribbelnd die Stadt durchkreuzt, versucht ihre Mutter sie zu erreichen, hinterlässt Nachrichten auf dem Anrufbeantworter, mal verärgert, mal verzweifelt, stets ausgeschlossen aus dem Dasein ihrer Tochter. Als das Tosen nichts zu nützen scheint, wird die Stille der eigenen vier Wände versucht ... Naderis US-amerikanische Protagonisten sind meist Obsessive, in ihre eigenen Systeme Eingeschlossene. So auch Gretchen: Sie kann nicht gewinnen – ihren Rekord brechen, irgendwann, das schon, aber nur, um dann wieder von vorne mit dem Kampf gegen die Zeit wie die Worte beginnen zu müssen. No-win-Situation nennt man das wohl. Für den Zuschauer faszinierend sind dabei Naderis schillernd-dröge Ansichten der Metropole, deren Unruhe und Treiben Gretchen die nötige Inspiration verschaffen sollen – selten sah man die abgefilmteste Stadt der Welt so wie hier. (om)

 

Zum Einstieg: der Kurzfilm Fortune Cookie – fünf Minuten Schall und Wahn.

USA 2009, 5 Min, Farbe, Digital, kein Dialog, Regie: Amir Naderi, Kamera: Andrei Severny

  

 

 

USA 2002
75 Min. Farbe. Digital. E

Regie: Amir Naderi

Buch: Amir Naderi

Kamera: Michael Simmonds

Schnitt: Amir Naderi, Donal O’Ceilleachair

Mit: Sara Paul, Trevor Moore, Rebecca Nelson


 

Zwischen Abgrund und Hoffnung – Amir Naderis Kino der Exzesse
Bildrausch 2013