JAHR

 


Mein ist die Rache (doch wer bin ich?)

Als Peter Strickland in Sodankylä 2013 über sein kommendes Projekt, The Duke of Burgundy (2014), sprach, meinte er mitten im Satz plötzlich: «Ja, also schon wieder ein Film über Rache, ist mir so noch gar nicht aufgefallen.»


Und in der Tat: Nach Vergeltung lechzen alle Protagonisten in seinen bislang drei Spielfilmen: Katalin Varga will in Stricklands nach ihr benanntem Langfilm-Debüt (2009) diejenigen bestrafen, welche sie einst vergewaltigten – und gerät ins Grübeln, als sie herausfindet, dass der übelste von ihnen mittlerweile verheiratet ist; in Berber-

ian Sound Studio (2012) dann quält ein sadistischer italienischer Filmemacher seinen arglos-genialen Tonmeister aus England so lange, bis der sich gegen ihn auflehnt – und wenns dafür die Erniedrigung Dritter, also das Movens Rache braucht, so solls denn sein. Bei The Duke of Burgundy (2014) schliesslich verschwimmen in dem bizar-

ren Spiel zweier grausam liebender Frauen sämtliche Grenzen zwischen Täter und Opfer, Domina und Zofe – bis ein Gefühl sexueller Mangelbefriedigung das oft skurril wirkende Miteinander der beiden in bittersten Ernst kippen lässt.


Und noch ein Weiteres verbindet Stricklands Werke bislang: ein ausserordentliches Gefühl für die Filmgeschichte, die Energien, welche sich daraus ziehen lassen. Jeder seiner Filme hat klare Vorbilder, denen Strickland zwar seine Reverenz erweist, sie jedoch nie schlicht kopiert oder per Hommage instrumentalisiert. Katalin Varga ist auch eine Variation über Ingmar Bergmans archaisches Monstrum The Virgin Spring (Jung frukällan) (1960) mit starken Anleihen bei Wes Cravens krud-rüdem Last House on the Left (1972); nur gibt Strickland diesen Geschichten vom Ringen um den Mut zum Töten einen sehr überraschend anderen Dreh: Bei ihm geht es um das fortschrei-

tende Nagen der Gnade. Dito ist Berberian Sound Studio nicht nur eine Verbeugung vor dem Eurohorrorkino der 1960er und 70er: Der fabelhafte Vorspann für das Werk, um dessen Werden sich der Film dreht, legt eine Verwandtschaft nahe mit Michael Reeves’ Monument Witchfinder General (1968), während die darin erzählte Geschich-

te, wie sie sich einem über die wenigen Dialogfetzen erschliesst, eher an Dario Argentos Suspiria (1977) erinnert. Was am Anfang nicht so klar ist, dann aber immer mehr in den Vordergrund rückt, sind die ethischen Dimensionen des Werks: Berberian Sound Studio erweist sich nämlich als eine Abhandlung über das Stanford-Experiment, in dem es um die Abrichtbarkeit des Menschen geht – man erinnert sich: Fast jede/r wird ganz schnell gleichgültig gegenüber dem Leid anderer, fast jede/r scheint in der Lage, Grausamkeiten zu begehen, wenn nur eine Autorität ihr/ihm sagt, dass dieses Foltern und Töten in Ordnung ist. The Duke of Burgundy schliesslich schaut sich wie eine ausserordentlich wüste Mischung aus Věra Chytilovás Daisies (Sedmikrásky) (1966) und einer moderat besser budgetierten Erwin-C.-Dietrich-Sexfilmproduktion aus den 1970ern mit dem unvergleichlichen Jess Franco am Steuer. Worum es aber wirk-

lich geht, ist die vielen unangenehme Frage nach der Bedeutung von Sex für Bezieh-

ungen, der schleichende, sehr reale Druck, welchen der Anspruch auf angemessene wie halbwegs regelmässige Befriedigung ausübt, darin auch die Furcht vor der Idylle, die im Gleich-, Mittelmass, einer gewissen Mässigung, auch in Kompromissen läge.


Kennen muss man die ganzen gerade genannten Filme und Namen aber nicht, um von Stricklands Kino berauscht zu sein, daraus lernen zu können. Erwähnt seien sie hier trotzdem, nicht nur als knappe Verbeugung in Richtung all jener, die ihre Freude an cinephilen Schnurrpfeifereien haben, sondern auch, weil es eben so extrem wenige moderne Filmemacher gibt, die derart intelligent mit der Filmgeschichte umgehen, sie als ein massives Korpus von ästhetischen Lösungen wie moralischen Fragestellungen begreifen, welche einem dabei helfen können, eigene Bilder und eigene Antworten zu finden.


Aber was ist das eigentlich, die Filmgeschichte? Manchmal etwas, das man sich aus der eigenen Erfahrung heraus erträumt. Strickland sagte apropos seines frühen Kurz-

films Between God and Inspiration Lie Heaven and Hell (1993), dass er damit etwas machen wollte, was so war, wie er sich ein Werk von Stan Brakhage vorstellte. Denn: Dank der Lektüre von William C. Wees’ «Light Moving In Time» war Strickland zwar von der US-Avantgarde fasziniert, hatte die Filme aber zum allergrössten Teil nicht gesehen – er konnte sie sich eben nur anhand von Wees’ Beschreibungen vorstellen. Was man hier wie auch etwa in der Cocteauiade Rising Within the Realms of Sleep (1992) oder den Cinema-of-Transgression-Exerzitien Bubblegum (1995) und Conduct Phase (1997/2011) sieht, sind Schwärmereien, Träumereien, geboren aus sehr nach-

vollziehbaren Bedürfnissen heraus: einem Gefühl vom Fremdsein im eigenen Land wie in der eigenen Haut, auch einer gewissen Ahnung davon, dass man gewissen Leuten niemals passen wird und das auch nicht will, weil man sich mit deren Grau-in-Grau-Seelen nicht gemein machen will. Muss man bei all dem noch sagen, dass Strickland Autodidakt ist, oder versteht sich das nicht fast schon von selbst? Erwähnen sollte man zumindest doch eins: Seine Kurzfilme wie auch Katalin Varga  finanzierte Strickland aus eigener Tasche, wobei für letzteren eine Erbschaft draufging (erst gegen Ende, als der Film im Fegefeuer der Postproduktion schmorte, kamen rumänische Koproduzenten zwecks Fertigstellung mit ins Boot). Geld verdient er bis vor Kurzem mit anderen Berufen. Strickland wollte und will Filme machen. Und das sieht man.

 

Kino, das sollte einen umpflügen, um wer weiss wie viele Filmemacher schon zu zitieren. Aus einem Film sollte man anders kommen, als man hineingeht. Filmemach-

en, das heisst: sich wie die Zuschauer zu verwandeln. So schaut sich denn jedes Werk Stricklands wie eine Vision von einem völlig anderen Leben – einem gewaltigeren, grausameren, bunteren, lichteren, perverseren. Ums anhand eines konkreten Bei-

spiels zu demonstrieren: Im Vorspann von The Duke of Burgundy  finden sich Credits für Reizwäsche, Parfum und «Human Toilet Consultants» – das ist wirklich eine andere, eine betörende wie beunruhigende, eine toll-duftige Welt!


Olaf Möller