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Mika Taanila - Wer wir alles hätten werden können

Im Winter 2013/14 präsentierte das Museum für Moderne Kunst (Kiasma) in Helsinki eine gewaltige Ausstellung zum Schaffen von Mika Taanila. Einer ihrer letzten Tage fiel zusammen mit einem sogenannten Familientag, d.h., die Hallen hehrer Kulturbetrach-

tung waren voll von Eltern mit meist kleinen Kindern. Taanila hatte sich für diesen Tag bereit erklärt, so etwas wie Mini-Workshops mit den Kleinen zu veranstalten: Er würde ihnen dabei erklären, wie er die Photogramme seiner Serie Black and White Movies (2013) hergestellt hatte, ihnen dann die Mittel, die er dazu benutzt hatte (zerstörte VHS-Kassetten), in die Hände geben, damit sie diese z.B. als Schablonen für Filzstift-

zeichnungen verwenden konnten. Während nun die Kinder wie wild Medienschrott auf Papierbögen umherschoben und deren Umrisse abzeichneten, strolchten Taanila und ich durch die anliegenden Räume. Dabei sahen wir einen Jungen, der selbstvergessen mit einer Doppelprojektionsinstallation, Twilight (Hämärä) (2010), spielte: Zwei schwe-

re alte Beamer fuhren dabei auf Schienen langsam so hin und her, dass sich die von ihnen projizierten Bilder ab und an überlagerten. Die Projektionsgeräte schmissen Auf-

nahmen kurios guckender Labor-Kröten an die Wand. All das Gefahre und Geblinke, die Überlagerungen, die Technik und was man damit so alles anstellen kann, faszinier-

ten den Bub sehr. So sprang er in der Installation hin und her und erkundete sie wie ein Abenteuerspielplatz. Taanila grinste beglückt und meinte nur: «Mein Lieblingspubli-

kum.»

Das erzählt viel über Mika Taanila und seine Haltung zur Kunst: Man soll mit seinen Arbeiten auch handfest umgehen können; und sie sollen so gestaltet sein, dass (theo-

retisch) jeder etwas damit anfangen, je nach Werk sogar etwas daraus lernen kann.

 

Dafür bedient sich Taanila eines erstaunlich weiten Spektrums an Formen: Vom Musik-

video bis zur Installation, vom Dokumentar- bis hin zum Experimentalfilm findet sich in seinem Oeuvre so ziemlich alles, was man machen kann mit Film, sei’s analog, sei’s digital. Futuro – A New Stance for Tomorrow (Futuro – tulevaisuuden olotila) (1998), RoboCup99 (2000) und Future Is Not What It Used To Be (Tulevaisuus ei ole entisensä) (2002), beispielsweise, sind sehr spielerisch-essayistische Dokumentationen über das Futuro-Haus, Roboter-Fussball sowie den Atomphysiker-Elektronikinstrumenten-

bauer-Komponisten-Filmemacher-Programmierer-Künstler Erkki Kurenniemi. A Physi-

cal Ring (Fysikaalinen rengas) (2002) und The Zone of Total Eclipse (Täydellisen pimennyksen vyöhyke) (2006) wiederum sind Installationen, die sich sowohl für Museen als Loop eignen als auch für die Projektion als Film im Kino. Optical Sound (Optinen ääni) (2005) ist im gleichen Masse die Dokumentation eines Musikstückes wie ein Musikvideo für diese Komposition, während Verbranntes Land (2002), ein Musikvideo für das gleichnamige Kiila-Stück, mittlerweile wohl häufiger als Loop in Ausstellungen zu sehen ist als im Fernsehen als Werbung; The Double – Russian Industrial Music & Low-Tech Videos (Kirjoituksia kellarista – Venäläista teollisuusmusiikkia ja low-tech videoita) (1993), den er gemeinsam mit Anton Nikkilä realisiert hat, ist eine kommen-

tierte Kompilation spätsowjetischer und frührussischer Musikvideos (darunter eines von Kirill Preobraženskij, mittlerweile ein Star der internationalen Videokunst).  

 

Was diese, vorsichtig gesagt, in ihren Zugriffstrategien doch sehr unterschiedlichen Werke eint, ist das Thema des Verschwindens, Verwerfens, Vergessens, Vergessen-

machens. A Physical Ring z.B. besteht aus Found-Footage-Materialien eines Labor-

versuchs, von dem niemand mehr weiss, welche Erkenntnisse er eigentlich bringen sollte (keiner der bislang zu den Bildern befragten Wissenschaftler konnte anhand des Aufbaus auch nur nähernd schätzen, was da gemessen werden soll!). Gut aussehen tut das Ganze aber immer noch, mit der entsprechenden Musik unterlegt kommt das alles sogar wahnsinnig gegenwärtig und modern daher, auch wenn die Aufnahmen selbst wohl aus den 1940ern stammen. Bei The Zone of Total Eclipse weiss man zwar, wozu die Bilder mal gut waren, nur ging das Experiment damals schief; auch hier gilt: gut aussehen ... Das Futuro-Haus (Futuro – A New Stance for Tomorrow), wiederum, war das Produkt einer gut datierbaren Zeit: der späten 1960er bis frühen 70er, da der allgemeine Wohlstand gross, noch keine Ölkrise in Sicht und die Zukunft einfach strahlend war – als also ein Plastikhaus in Form einer fliegenden Untertasse perfekt in die Zeitgeistlandschaft passte. Von dem Zeitpunkt an, da klar ward, wie endlich die Ölvorkommen sind und wie deren Besitzer diese ökonomisch-politisch nutzen würden, mutierte das Haus quasi über Nacht zur fanalgleichen Verkörperung der Narreteien einer Ära des Überschusses, die heut’ mit ihrem verschwenderisch-bunten «joie de vivre» ferner wirkt als das übernächste Sonnensystem. Regelrecht dramatisch wird es bei RoboCup99, da die doch sehr speziellen Athleten dieses mitreissenden Sport-

dramas kurz nach ihren heldenhaften Kämpfen um Ruhm und Ehre zerlegt und schnell vergessen werden – auf dem Feld stehen sich nämlich Roboter gegenüber, die nichts   weiter sind als Entwicklungsstufen ohne eigenen Wert. Verbranntes Land schliesslich ist eine melancholische Ode an das Verschwinden einer vergangenen Technologie im Allgemeinen wie eines Bildes im Besonderen – zu sehen ist nämlich, in einer Split-Screen-Komposition, wie ein VHS-Bild beim Reinigen verschwindet, Durchlauf für Durchlauf.

 

Was trister klingt, als es in Wirklichkeit ist: Taanilas Schaffen in gleich welcher Sparte, welchem Genre hat einen Zug zum flott Bunten wie Barocken, zum beglückt Staunen-

den wie wild Suchenden. Ohne dass die Werke deshalb je aus dem Ruder liefen, formlos oder auch nur informell wären: Optical Sound z.B. ist ein Paradebeispiel für dramaturgische Geschlossenheit und Transparenz – hier erzählt jedes Bild und jeder Klang und jede ihrer Verschränkungen oder Kollisionen etwas; und dennoch denkt man sich, wenn man den Film zum ersten Mal gesehen hat, glückselig nur: WOW!, weil man wenige Minuten lang zum ersten Mal seit Langem (wieder) ganz konzentriert etwas gehört und gesehen hat. Will sagen: Optical Sound, gleich Taanilas anderen Werken, ist vor allen Dingen eine Kino-Erfahrung, wie man sie nur noch selten macht. Das alles basierend auf einem Stück Technologie, das heute wohl kaum mehr wer zu Hause, geschweige denn in der Firma hat: ein Vierundzwanzig-Nadel-Drucker.

 

Taanila (*1965) hatte schon von Jugend an eine tiefe Liebe zur Lowtech: Mit sechzehn brachte er seine erste Lo-Fi-Noise-Kassette unter die Leute, «Musiikkivyöry» – ein Klassiker seiner Art. Zur selben Zeit machte er als Mitglied der heute legendären Formation «Swissair» von sich reden; mit seinem Co-Piloten Jari Härkönen drehte er damals schon viel auf Super-8, was zum Teil bei den Aufführungen projiziert werden sollte. Musik und Film gehörten für Taanila immer zusammen. Weshalb die Musik-

videos für ihn auch weit mehr waren als ein blosser Gelderwerb, erster Schritt ins Professionelle nach dem Ende seines Studiums: Zum einen konnte er hier sein Hand-

werk schulen, zum anderen allerhand an Ideen oder Techniken ausprobieren. Die Mu-

sikvideos waren so etwas wie sein Labor. Heute haben Loops und ähnliche Galerieku-

nststücke diese Funktion übernommen, siehe etwa Man and Science (Ihminen ja tiede) (2011) oder My Silence (2013): Beides sind schnell gefertigte, auf so simplen wie ver-

blüffenden Konzepten basierende Arbeiten, mit denen sich Taanila auch selbst bei Laune hält.

 

Taanilas Gesamtwerk hat etwas ungeheuer Organisches: Da führt eines zum anderen, fügt sich alles miteinander, ganz leichthändig, schwe- relos. Das passiert, wenn man seine Kunst als Alltag lebt, als etwas ganz Selbstverständliches. Und so, und zwar nur so, schafft man es, dass die Menschen langsam, aber sicher noch einmal, dann doch anders auf ihre Welt schauen: nämlich weil alles so einfach wirkt und klar und vernünf-

tig und schön.

 

Olaf Möller